Das Schweizer Holzbildhauerei Museum in Brienz ist in die Saison 2019 gestartet. An der Vernissage vom Samstag, 4. Mai 2019 wurde nicht nur die neue Sonderausstellung «Holzbildhauerinnen im Kabinett» eröffnet. Gleichzeitig präsentierten die Museumsverantwortlichen eine neue Raumaufteilung inklusive neuer Dauerausstellung. Der Geschichte der Holzbildhauerei erhält nun mehr Platz, während die jährlich wechselnden Sonderausstellungen im «Kabinett» einen Einblick in eine besondere Sparte des Schaffens der Künstlerinnen und Künstler geben soll. 2019 stehen dabei die Holzbildhauerinnen im Zentrum – 11 Künstlerinnen aus der Schweiz und Deutschland präsentieren heuer unter dem Titel «Holzbildhauerinnen im Kabinett» ihre Werke.

Elf Künstlerinnen haben im Kabinett Einzug gehalten und präsentieren hier während der Saison 2019 einen Querschnitt aus ihren Werken. «Zu den Frauen in der Holzbildhauerei wissen wir nicht viel», sagte Dr. Franziska Nyffenegger, Stiftungsrätin und Kulturwissenschaftlerin an der Vernissage. «Wir wissen, dass die Vor- und Gründerväter der Brienzer Schnitzerei ihre Frauen losgeschickt haben, auf dass diese im Giessbach die geschnitzte Ware verkaufen.» Im frühen 19. Jahrhundert waren es vor allem die Frauen, die den Handel bewerkstelligten, das zeigen Stiche und bildliche Darstellungen aus dieser Zeit. «Das zeugt von der kaufmännischen Geschicklichkeit der Schnätzer. Sie werden wohl gemerkt haben, dass die Fremdengäste netten und schönen Frauen mehr abkaufen als knorrigen und wortkargen Männern.» Wenn es jedoch um das eigentliche Handwerk geht, so ist kaum bekannt, ob Frauen bereits in der Anfangszeit zum Meissel gegriffen haben.

Frauen auf dem Vormarsch

Inzwischen haben die Frauen in der Holzbildhauerei die Männer aber eingeholt. 1951 hat die erste Frau an der Schule für Holzbildhauerei ihre Lehre angefangen, weiss Andreas Schaller, Lehrer an ebendieser Schule. Heute sind die Frauen deutlich in der Überzahl. Aktuell steht es 12 zu 16: In Ausbildung befinden sich derzeit 12 Männer und 16 Frauen. «Damit zeigt sich bei den Holzbildhauern ein ähnliches Bild wie in vielen gestalterischen Berufen: Die Frauen haben in den letzten Jahren den Lead übernommen», sagt Nyffenegger. Das könne – aus einer konservativen Perspektive gesehen – damit zusammenhängen, dass die Frauen später ja sowieso heiraten und von ihrem Beruf keine Familie ernähren müssten. «Sie können sich die Holzbildhauerei leisten, während die Männer etwas lukrativeres lernen müssen.» Den eigentlichen Grund für diese Entwicklung sieht Franziska Nyffeneger aber anderswo: «Die Ausbildung wurde in den 50er Jahren für die Frauen geöffnet. Wir Frauen fordern seit vielen Jahrzehnten Gleichberechtigung und Gleichbehandlung und auch unter Frauen gibt es viele Talente und Begabungen.» Die Sonderausstellung «Holzbildhauerinnen im Kabinett» zeigt diese Talente und Begabungen auf besondere Weise.

Neukonzeption der Dauerausstellung

Neben der Sonderausstellung 2019 wurde auch die Dauerausstellung zur Geschichte der Holzbildhauerei aufgefrischt. Ihr wird künftig mehr Platz einberäumt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen die pragmatische Überlegung, dass die personellen und finanziellen Ressourcen der Stiftung zur Sammlung und Ausstellung von Holzschnitzereien, der Museumsbetreiberin, kaum ausreichen, um den grossen Raum jährlich mit einer neuen Sonderausstellung zu bespielen. Zum anderen stammen viele Museumsbesucher aus dem Ausland. Sie besuchen die Ausstellung in Brienz einmalig und interessieren sich vor allem für die Geschichte der Holzbildhauerei. «Diese Geschichte ist so lang und so reich, dass wir mit Exponaten dazu problemlos das ganze Haus füllen könnten», sagt Kuratorin Franziska Nyffenegger. «Sie ist in der bisherigen, klein gehaltenen Dauerausstellung zu kurz gekommen.» Die Dauerausstellung wurde nicht nur räumlich verlegt, sie wird in den Sommermonaten ganzheitlich neu konzeptioniert. Unterstützung erhalten die Museumsverantwortlichen dabei von Tom und Regula Turtschi vom Gestaltungsbüro Hof3 aus Trubschachen. «Wir werden eintauchen in die Geschichte der Holzbildhauerei und in ihre vielen Geschichten, in die Sammlungsbestände und die Geschichten der Objekte, und werden mit Hilfe der Profis aus Szenographie und Ausstellungsgestaltung das Museum neu einrichten.» Auch wenn allen Beteiligten noch viel – sehr viel – Arbeit bevorsteht, ist die Freude auf die Neueröffnung in einem Jahr bereits jetzt deutlich spürbar.

Weitere Informationen zur Sonderausstellung «Holzbildhauerinnen im Kabinett»

Einblicke Vernissage vom 4. Mai 2019