Die Bernische Regierung unternahm seit der Mediationszeit (1803 – 1813) zahlreiche Versuche zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen im damals armen Berner Oberland. Sie ging von den vorhandenen Ressourcen Holz und einer Jahrhunderte alten Handwerkstradition aus. Es brauchte aber seine Zeit, bis die Oberländer den Schritt vom Schnitzen für den Eigengebrauch und Zeitvertreib zum Schnitzen als Kunsthandwerk getan hatten.

Die Anfänge
Als eigentlicher Begründer der aufblühenden gewerblichen Holzbildhauerei gilt der Brienzer Christian Fischer (1790 – 1848), der in den „Hungerjahren“ (1816 / 1817) damit begann, seine Drechslerware wie Eierbecher, Pokale, Dosen und Kassetten mit einfachen Laubwerken zu verzieren und den Touristen zu verkaufen. Autodidaktisch kopierte er klassische Ornamente und formte sie für seine Dekorationen um. Später begann er mit der Herstellung von teilweise naiv wirkenden Tier und Menschenfiguren und orientierte sich dabei an Werken anderer Künstler, ohne deren Niveau aber jemals zu erreichen. Er muss geschäftstüchtig gewesen sein, denn er beschäftigte bis zu acht Mitarbeitende und Lehrlinge, darunter auch seinen Sohn gleichen Namens.
Die Bernische Regierung unterstützte Fischers Bemühungen und dieser liess seine Lehrlinge und besonders begabte Mitarbeitende die neue Handwerksschule in Bern besuchen.

Der Handel mit Geschenk- und Souvenirartikeln entwickelte sich sprunghaft. Der aufkommende Tourismus im Oberland allgemein und insbesondere zu den neu erschlossenen Giessbachfällen am Brienzersee, sorgte für eine rasant zunehmende Nachfrage. Bald ergänzte sich das Angebot um Standardmodelle wie geschnitzte Jäger, Älpler, Willhelm Tell, die bekannten Schweizerhäuschen, Gämsen, Steinböcke und Bären in allen Posen.

Der Initiative der Oberländer stand das merkantilistisch gesinnte alte Bern offen gegenüber. Sie förderten die Errichtung neuer Werkstätten durch zinslose Darlehen und Vorschüsse und wendeten Gelder auf zur Weiterbildung von tüchtigen Schnitzlern. Die drei Brienzer, Christian Fischer jun, Melchior Stähli und Peter Grossmann erhielten künstlerische Anleitung in der 1826 gegründeten Handwerkerschule in Bern.

Zeit des Aufschwungs
In den Dreissigerjahren, oder der Zeit des Aufschwungs (1830 bis 1852), wie sie auch genannt wird, wurden im Oberland die ersten Handelsgeschäfte für Schnitzereien eröffnet. Umsichtige Betriebe eröffneten Verkaufsmagazine, um den Absatz zu verbessern und ins Ausland zu erweitern. Dazu gehörten im Jahr 1830 unter anderem alt Grossrat Caspar Flück, Caspar Michel & Compagnie, Fuchs & Abplanalp, alle aus Brienz stammend. Im gleichen Jahr wurde der junge Oberländererwerbszweig durch die Industrieausstellung in Bern bekannt. Dank dem handwerklichen Können und dem unternehmerischen Gespür wuchsen diese Firmen teilweise zu Industriebetrieben. Die 1835 von den Gebrüdern Binder in Brienz gegründete Firma hatte Zweigniederlassungen in Luzern, St. Moritz, Zermatt und Montreux. Das Unternehmen stellte eine nationale Grösse mit Absatzkanälen in aller Welt dar und galt in ihrer Blütezeit mit über 250 Mitarbeitenden als einer der grössten Arbeitgeber in der Region. Aus ihrer Familie stammt auch der Bildhauer Carl Binder, der als Schüler beim bekannten französischen Bildhauer Rodin weilte und bis zu seinem Tod in Brienz wirkte.

Die neuen Erwerbsquellen aus der Holzbildhauerei brachte besonders Brienz und Ringgenberg in den nachfolgenden Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Blüte. Der Kanton Bern seinerseits unternahm alles zur künstlerischen Förderung des Schnitzlerhandwerks im Oberland und schickte einige Brienzer zu berühmten Bildhauern in die Lehre, wie etwa Peter Grossmann zu Thorwaldsen – dem Schöpfer des Löwendenkmals – nach Rom.

An der Weltausstellung in London 1851 erzielte die Brienzer Holzbildhauerei den ersten internationalen Erfolg. Künstler wie Johann Huggler-Huggler, Joh. Abplanalp. Joh. Eggler, Andreas Baumann u.a.m. verbürgten den guten Ruf der „Oberländer Nationalschnitzwerke“, wie die ornamentalen und figürlichen Arbeiten bewundernd hier und da bereits genannt wurden. Sie schufen preisgekrönte Kunstwerke, deren technische Verarbeitung den Werkstoff Holz bis an seine physischen Grenzen brachte. Diese Arbeiten gehörten aber einer kunsthandwerklichen Produktion an, die neben den Arbeiten für die Tourismusindustrie entstanden. Die Holzbildhauer standen damals schon im Spannungsfeld zwischen gekonntem künstlerischen Ausdruck und einem wirtschaftlichen Zwang zur Massenproduktion von weniger anspruchsvollen Artikeln für die Tourismusindustrie.

Die Zeit der „Veredlung“
Das blühende Gewerbe zog nun in der Zeit von 1853 bis 1867 auch Ausländer an. 1853 eröffnete der Kunsthändler A. H. Wald in Thun eine Werkstätte mit über 20 angestellten Holzbildhauern. Im gleichen Jahr kamen die Gebrüder Wirth aus dem Elsass nach Brienz. Ihre Werkstätten mit Filialen in Paris und London sollen bis zu zweihundert Mitarbeitende beschäftigt haben. Die beiden Grossfirmen perfektionierten die Holzbildhauerei, indem sie ihren Mitarbeitenden eine gezielte Aus- und Weiterbildung anboten. Beigezogene Künstler aus Paris führten Zeichnungen und Modelle ein, die in der Produktion ihre Umsetzung fanden. Die neue „veredelte“ Möbelschnitzerei erhielt an der Weltausstellung in Paris 1867 und anderen grossen Ausstellungen Spitzenauszeichnungen. Die Exportorientierung begann.

Im Zug der rasch erblühten Produktion und der reissenden Nachfrage in den 1850er Jahren drohte die Qualität der Schnitzereien auf der Strecke zu bleiben. Aus mangelndem Kunstsinn oder bedrängter sozialer Lage heraus, „schnätzten“ viele Oberländer rasch und ausschliesslich auf den Verkauf ausgerichtet. Mit der Teilnahme an in- und ausländischen Ausstellungen für Kunst und Industrie wurde zusehends sichtbarer, dass dem einheimischen Kunstgewerbe die nötige Schulung fehlte. Zwar hatte der Staat Bern die Wichtigkeit eines methodisch-praktischen Unterrichts schon lange erkannt und versuchte Zeichenschulen zu errichten. In den Jahren 1848 bis 1954 gab es beispielsweise eine solche in Nessental bei Gadmen, 1869 in Meiringen. Die meisten dieser Schulen hatten aber nur kurzen Bestand, da der Unterricht von Gewerblern als Zeitverlust betrachtet und deshalb zu wenig besucht wurde.

Konkurrenzdruck, die Angst, um den guten Ruf der einheimischen Erzeugnisse und die nimmermüden obrigkeitlichen Bemühungen zeitigten in Brienz Erfolg. Die 1862 von einem gemeinnützigen Verein gegründete und getragene Zeichen- und Modellierschule Brienz hielt als einzige durch. Ihr Ziel war die technische –künstlerische Ausbildung und das Emporschwingen des Handwerks zur Kunst.
Paul Federer war der erste Leiter der Schule. Ihm folgte nach seinem Wegzug der Brienzer Hans Abplanalp. Heinrich Federer, Sohn und Dichter des Erstgenannten schrieb damals: „Die Schnitzlerei brachte Brot, ja Reichtum ins Dorf, war grosse Mode, und kein Engländer begab sich aus dem Berner Oberland, ohne den bengalisch beleuchteten, siebenstufigen Giessbach gesehen, einen fett gebratenen Aal verspeist und eine artige Brienzer Schnitzerei erworben zu haben“. Fünf Jahre nach der Gründung zählte die Schule 61 meist jüngere Schüler. Durch Beiträge unterstützte Bern weiter die Teilnahme an Ausstellungen. Zum finanziellen Grosserfolg für die Schule wurde die Weltausstellung in Philadelphia 1867. Beschickt von 14 „Schnitzlern“ lösten diese durch den Verkauf von ornamentalen und figürlichen Modellen Fr. 16150.-. Brienz wurde Mittelpunkt des Schnitzlergewerbes.

Die Zeit der Innovation
In der Zeit von 1868 bis 1884 leiteten Kriege im Ausland das Nachlassen des Touristenstroms ein und bewirkten eine Rezession. Die Grossfirmen wurden aufgehoben und die Entlassenen gründeten viele Kleinbetriebe. Führende Männer der Region wie der Brienzer Arzt Strasser und der Architekt Davinet aus Interlaken sahen darin das Signal, eine Erneuerung der Holzbildhauerei herbeizuführen. Auf ihre Initiative hin beschlossen 1874 mehr als 200 Holzbildhauer in einer ersten Versammlung die Gründung der allgemeinen Schnitzlervereinigung des Berner Oberlandes. Der Staat unterstützte die Organisation grosszügig und ermöglichte ihr die Öffnung nach aussen, indem sie weitere Weltausstellungen beschicken und ausländische Modelle ankaufen konnten. Im Jahre 1879 zeigte die Schnitzler- vereinigung aber nicht mehr viel Gründerschwung – ein Zeichen für den Brienzer Pfarrer Baumgartner – die Schaffung einer eigentlichen Schnitzlerschule mit mehrjähriger Lehrzeit voranzutreiben.

Im Jahr 1884 wurde die Schnitzlerschule mit 10 Schülern als Nachfolge der Zeichnungsschule eröffnet. Als künstlerisches Zentrum vermittelte sie künftigen Holzbildhauern sowohl die handwerklichen wie auch die künstlerischen Grundlagen zur Festigung und Weiterentwicklung ihres Könnens. Im gleichen Jahr wurde auch in Meiringen eine Schnitzlerschule gegründet, die aber bei der Brandkatastrophe von 1891 einging. Die Lehrer der neuen Schule unternahmen nun fast alljährlich Studienreisen ins Ausland. Das Gewerbemuseum Bern, dem die Schule unterstand, schaffte ständig Modelle als Vorbild an und zeigte diese an Ausstellungen in Brienz. Alte Stile und Ausländisches wurden kopiert und abgewandelt. Die Lehrer waren bestrebt, fortwährend Neues einzuführen und erzielten mit der Bau- und Möbelschnitzerei grosse Erfolge (Rathaus Bern, Bundeshaus). Der Oberländische Holzschnitzwaren Industrieverein wurde gegründet und verkaufte bis 1905 in einer Industriehalle in Brienz die Produkte der Holzbildhauer.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten
Die Zeit des wirtschaftlichen Einbruchs von 1909 bis 1923, verbunden mit „der neuen Sachlichkeit im Bauen und Wohnen“ führten dazu, dass die Holzbildhauer kaum mehr Absatz oder eine Anstellung fanden. Das Arbeitsgebiet der schmückenden Schnitzerei wurde durch diesen nüchternen Zeitgeist stark eingeengt. Hinzu kam der Krieg, der den Touristenstrom arg ins Stocken brachte. Als Antwort darauf förderte die Schnitzlerschule als Ersatzgebiete die Spielwarenproduktion und Bauschnitzerei.

Trotz der Konjukturerholung in den Jahren 1924 bis 1930 musste das Schnitzlergewerbe mit neuen Schwierigkeiten kämpfen. Innert vier Jahren nahm der Import ausländischer Holzschnitzereien in die Schweiz um über 40% wertmässig zu.

Die neuen Exportbarrieren in der Krisenzeit von 1930 bis 1947 machten der Holzbildhauerei erneut schwer zu schaffen. Die Einfuhrzölle des Auslandes verdreifachten sich und der Export nach dem Hauptabnehmerland USA ging auf 10% zurück. Die Schnitzlerschule Brienz und der 1932 wieder gegründete „Berufsverband Oberländischer Holzschnitzerei“ (BOH) sorgten dafür, dass mit öffentlicher Finanzhilfe eine Hilfsaktion aufgezogen werden konnte. Es durften Holzbildhauerarbeiten auf Lager produziert werden. Erst 1943 konnten diese durch eine Tombola endgültig liquidiert werden, nachdem die öffentliche Hand vorher die Hälfte der Schuld erlassen hatte.

Viele verdienstlose Holzbildhauer wandten sich vom Beruf ab und fanden beispiels- weise im angelaufenen Kraftwerksbau im Oberhasli Arbeit. Die Schnitzlerschule und die BOH führten Umschulungskurse und Aktionen für export- und konjunktur- abhängige Schnitzereien durch. Durch die Krise wurde die Spezialisierung der Holzbildhauer auf Einzelgebiete gefördert und in eine neue Zeit überführt.

In den Fünfzigerjahren wurde der Markt zunehmend mit importierten Südtiroler Schnitzereien überschwemmt, mit denen die einheimische Produktion immer weniger konkurrieren konnte. Gleichzeitig machten sich im Gewerbe akute Nachwuchs- probleme bemerkbar. Ein wichtiger Grund dazu war das Lohnniveau, das viel tiefer lag als in anderen Berufssparten. Das Vakuum zwischen sinkender Eigenproduktion und steigendem Absatz wurde immer mehr durch ausländische Ware aufgefüllt. Als Antwort darauf baute der BOH den Musterschutz durch das Schweizer Ursprungszeichen “Armbrust“ aus und warb in den obligatorischen Schulen am Brienzersee um Nachwuchs.

Ein neues Gebäude für die Schnitzlerschule
Die Raumverhältnisse der Schnitzlerschule wirkten immer mehr als Gefährdung der Konkurrenzfähigkeit und liessen sich trotz eines geringen Rückgangs der Schülerzahl mit einem vernünftigen Unterricht nicht länger vereinbaren. Bereits im Jahr 1939 hatte eine Aufsichtskommission die Vorteile eines Umbaus geprüft und sich dann aber einstimmig für einen Neubau ausgesprochen. Im Frühjahr 1948 brach man das alte Gebäude und das dazugehörende Kirchgemeindehaus ab. Am gleichen Standort konnten am 26. September 1951 Einweihung und endlich auch Einzug in die neue Schnitzlerschule gefeiert werden. Die Regierung feierte mit. Die neue Raumeinteilung des Gebäudes sah vor, dass die 1952 verstaatlichte Geigenbauschule mit fünf Lehrlingen ins Untergeschoss einziehen durfte.

Mit vermehrtem theoretischem Unterricht wurden nun die künftigen Holzbildhauer auf Entwurfsaufgaben vorbereitet. Das Figurenschnitzen oder die Ornamentik waren nach einer Grundausbildung in beiden Richtungen als Hauptfach und Schwerpunkt wählbar. Die praktischen Hauptfächer Zeichnen, Modellieren und Schnitzen wurden mit weiteren wichtigen Fächern ergänzt, die eine umfassende und qualitativ hochstehende Ausbildung abrundeten. Und mit regelmässigen Bildungs- und Schulreisen der Lehrer und Schüler wurde der Blick für in- und ausländisches Kunstschaffen geschult. Die damalige intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kunstströmungen spielte sich auf teilweise hohem Niveau ab.

In eher schlecht besuchten Heimarbeitsklassen erfüllte die neue Schule auch Forderungen des Gewerbes und bot Kurse in Schnitzereien mit Andenkencharakter an.

Im Jahre 1966 wurden die Schnitzler- und Geigenbauschule dem Kantonalen Amt für Berufsbildung unterstellt.

In den Jahren nach 1974 darf von einer Renaissance des Holzbildhauerberufs gesprochen werden. Die Hinwendung zum Natürlichen gab dem Beruf und insbesondere den jungen Menschen Auftrieb. Die Schnitzlerschule verzeichnete Rekordanmeldungszahlen von Schülern.

Neue Wege
Der Anteil an Schülern aus der Region ist mittlerweile stark zurückgegangen. Die Schule wird heute grösstenteils von Lernenden aus der ganzen Schweiz besucht. Vermehrt wird diese Ausbildung auch als Ergänzung zum ursprünglichen Beruf absolviert, um sich damit ein breiteres berufliches Können anzueignen.

Einige der Absolventen bleiben nach ihrer Ausbildung in Brienz und füllen die Lücken, die vermehrt durch die Erwerbsaufgabe der älteren und meist einheimischen Holzbildhauer entstehen.

Im Rahmen der neuen Bildungsverordnungen 2009 bildet die Schule für Holzbildhauerei Brienz die „Interessengemeinschaften Kunsthandwerk IGKH“ mit den Berufen Drechsler, Korbflechter, Küfer und Weissküfer. Ziel dieser Zusammenarbeit ist die gemeinsame Durchführung berufsverwandter Ausbildungsmodule in den Räumlichkeiten der Schule für Holzbildhauerei Brienz.

Wie früher gilt es auch heute die Zeichen der Zeit zu erkennen und neue Wege zu suchen und zu begehen, die das Kunsthandwerk nachhaltig fördern und Erfolg versprechen.
Quellenangabe: Zusammenstellung aus Jubiläumsschrift Schule für Holzbildhauerei Brienz, Blätter für Volkskunst und Handwerk der „Heimatwerke“, Heimatbuch Brienz, Medien