Zur Geschichte der Berner Oberländer Holzbildhauerei

Die Geschichte der Berner Oberländer Holzschnitzerei ist eine Geschichte von Handwerkern und Meistern, Individuen und Fabriken, Traditionen und Moden, Einheimischen und Fremden, und – nicht zuletzt – von Arbeit und Brot. Sie ist noch weitgehend unerforscht und bloss stellenweise ausgeleuchtet. Zahlreiche schriftliche und bildliche Quellen harren der Sichtung und mündlich überliefertes Wissen muss noch gesichert und eingeordnet werden.
Die Bernische Regierung unternahm seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts zahlreiche Versuche zur Schaffung neuer Arbeitsplätze im damals armen Berner Oberland. Sie ging dabei von den vorhandenen Ressourcen Holz und einer Jahrhunderte alten Handwerkstradition aus. Es entstand rasch eine eigentliche Kunstindustrie, in der Tausende von Arbeitern ihr Auskommen fanden.

Als ihr eigentlicher Begründer gilt der Brienzer Christian Fischer (1790-1848), der im Hungerjahr 1816/17 begann, seine gedrechselten Holzgegenstände mit Schnitzereien zu versehen und sie an die Touristen zu verkaufen.
Produziert wurde für das in- und ausländische Bürgertum, das als Touristen die Bergwelt besuchte oder seine Wohnungen mit allerlei dekorativem Schnitzwerk schmückte. Zu den ersten Kleinskulpturen, Kassetten, Dosen, Serviettenringen und Eierbechern kamen im Laufe des 19. Jahrhunderts bald Schweizerhäuschen und kleine Einrichtungsgegenstände, Möbel, Spielsachen sowie Bauausstattungen dazu. Neben der ornamentalen Produktion von Gebrauchsgütern entstanden ab 1850 zunehmend auch anspruchsvolle Holzskulpturen mit Menschen-, Tier- und Pflanzenmotiven, die einen eigenständigen künstlerischen Anspruch verkörperten. Herausragende Arbeiten in allen Bereichen wurden an den grossen Weltausstellungen mit grossem Erfolg ausgezeichnet.
Geschnitzt wurde in der eigenen Werkstatt („Bbuddiigg“), in Heimarbeit oder im Angestelltenverhältnis. Grosse und bekannte Handelsgeschäfte mit Filialen besorgten den Verkauf in alle Welt.
Ein immer wiederkehrendes und kontrovers diskutiertes Thema war das Bemühen um Qualität, das durch die routinierte und billige Massenproduktion der Souvenirindustrie beständig in Frage gestellt wurde. Letztere bedrohte die Weiterentwicklung des Gewerbes, das auf begabte, innovative und geschäftstüchtige Handwerker und Künstler angewiesen war.

Kanton und Gemeinden förderten das Gewerbe durch die Einrichtung von Zeichnungs- und Modellierschulen in Brienz, Interlaken, Meiringen und an anderen Orten, die Wissen und Können des Handwerkernachwuchses befördern sollten. Von zentraler Bedeutung war die Gründung der Schnitzlerschule in Brienz 1884. Sie beschäftigte in ihrer Blütezeit herausragende, weltoffene Meister, die ihre Schüler mit den Entwicklungen des internationalen Historismus und Jugendstils, später des Art Déco, Expressionismus und Neoklassizismus vertraut machten. Als eigentliche Designer waren sie massgeblich an der Stilentwicklung des Schweizer Kunsthandwerkes beteiligt.
Die Oberländer Schnitzerei war von Anfang an stark von den wirtschaftlichen Entwicklungen und Moden abhängig und erlebte entsprechend ihre Blüten und Krisen. Nach dem ersten Weltkrieg hielt die ornamentfeindliche Moderne Einzug und entzog dem Gewerbe den goldenen Boden.
Heutzutage ist die Zahl der hauptamtlich tätigen Fachleute stark zurückgegangen, die Schule für Holzbildhauerei Brienz erfreut sich aber dennoch eines grossen Andranges von Lernwilligen.
Dr. Thomas Lörtscher, Ausstellung Burgergalerie Brienz, 2007
Überarbeitet für das Schweizer Holzbildhauerei Museum, Brienz, 2009