Der Tourismus entwickelte sich im Berner Oberland früher als in anderen Berggebieten und nahm im frühen 19. Jahrhundert nicht zuletzt dank den obrigkeitlichen Förderungsmassnahmen einen grossen Aufschwung. Er bildete von Anfang an die breite Basis für ein Schnitzlergewerbe, das seine Erzeugnisse jetzt auf die Bedürfnisse einer wachsenden Schar von Reisenden abstimmte.
An die Stelle der traditionellen Volkskunst mit häuslichen Geräten und Bauornamenten traten geschnitzte und gedrechselte Holzobjekte, die den Reisenden an seinen Aufenthalt in der Bergwelt erinnern sollte. Die Palette umfasste zunächst Dosen, Gefässe, Pokale, Eierbecher, Kassetten und bereits Menschenfiguren. Sie erweiterte sich rasch auf zahlreiche, meist kleine Gebrauchsobjekte etwa Nussknacker, Vasenständerchen, Aschenbecher, Rahmen, Häuschen, Musikdosen, Thermo- und Barometer. Trachten- und Tierfiguren, meist Bären, Hirsche, Gämsen, Kühe und Bernhardiner wurden alleine oder in Gruppen geschnitzt.

Wie bei der anspruchsvollen Holzbildhauerei durchlief die Souvenirschnitzerei eine stilistische Entwicklung, die nicht linear verlief. So konnten etwa Tier- und Menschenfiguren gleichzeitig entweder traditionell naturalistisch oder fortschrittlicher in Flach- oder Flöcklischnitt gearbeitet werden.

Der sich entwickelnde Massentourismus verlangte grosse Mengen und erwartete gleichzeitig tiefe, für jedermann erschwingliche Preise. Der Zwang zur Serienproduktion machte die Fabrik- und Heimarbeit nötig, welche eine eigenständige handwerkliche Qualität noch bedingt gewährleisten konnte. Die Gefahren, welche die bescheidene Qualität der touristischen Massenproduktion für das Schnitzereigewerbe darstellten, wurden im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Fachartikeln hervorgehoben und es wurde auch nach Massnahmen zur Hebung der Qualität verlangt.
Massgeblich bemühte sich die Brienzer Schnitzlerschule seit ihrer Gründung um die Verbesserung der formalen und technischen Eigenschaften der Souvenirs. Wie bei den Skulpturen und kunstgewerblichen Holzerzeugnissen wurde auch in diesem Feld Stilsicherheit, guter Geschmack und während des Jugendstils auch Materialgerechtigkeit gefordert. Die zahlreichen erhaltenen Entwurfszeichnungen des ehemaligen Gestalters und Lehrers Hans Kienholz-Flück (1856-1935) belegen diese Anstrengungen auf eindrückliche Weise.
Dr. Thomas Lörtscher, Ausstellung Burgergalerie Brienz, 2007
Überarbeitet für das Schweizer Holzbildhauerei Museum, Brienz, 2009